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16.04.2012, 07:10

Oben ohne: Mehr Zeit, mehr Sicherheit, weniger Gestank

In Tanklägern, in denen Mineralölprodukte umgeschlagen werden, ist es unübersehbar: Immer mehr Tankwagen sind oben ohne und werden von unten befüllt. Bottom-Loading verdrängt langsam das Top-Loading. Die Gründe sind naheliegend: Kein Fahrer kann von seinem Tank fallen, schneller geht’s auch und es riecht nicht.

Schutzhelm, Haltegurt, eventuell noch eine Atemmaske? Was beim Oben-Befüllen von Tankwagen (Tkw) an Ladestellen für Kraftstoffe und Heizöl bisher Standard war, könnte langsam verschwinden. Denn der Trend geht zwar nicht abwärts, aber doch deutlich nach unten. Immer mehr Tkw kann man von unten befüllen oder sie sind zumindest dafür vorgerichtet. „Wir stellen eine verstärkte Nachfrage nach Fahrzeugen mit Untenbefüllung fest. Auch kleine und mittlere Händler rüsten vorhandene Zwischen-Lager verstärkt um“, konstatiert Erhard Gunkel, Leiter Produktgruppe Straßentankwagen bei Esterer.

Könnte irgendwann der Vergangenheit angehören: Absturzsicherung und Laufsteg. - Foto: UNITI Mediengruppe/Urbansky

Die Gründe sind naheliegend: Weniger Zeit, mehr Sicherheit und mehr Gesundheit. Denn letzteres ist ein generelles Problem bei der Oben-Variante: Wenn die Flüssigkeit in die Tkws fließt, werden die dort vorhandenen Gase der vorherigen Befüllung nach oben verdrängt. Und genau da befindet sich der Tkw-Fahrer.

Für den modernen Energiehändler stehen jedoch Zeit und Sicherheit im Vordergrund. „Beim Top-Loading nutzt man nur einen Füllarm. Im Bottom-Loading können hingegen bis zu vier Produkte gleichzeitig verladen werden. An einigen Ladestellen sind für Diesel oder Heizöl sogar zwei Ladearme je Produkt vorhanden. Der Ladevorgang verkürzt sich also“, erläutert Kai Mattejat, Logistiker bei Boie in Lübeck.

In diesem Zusammenhang erkennt Bernd Wahr noch einen weiteren Vorteil. „Wenn man Benzin für die Tankstelle fährt und den Direktausläufer im tatsächlichen Sinne zur Produkttrennung mit einem Rohr zur Kammer einsetzt, ist das ein großer Vorteil, weil ich eine 100-prozentige Produkttrennung habe“, so der Händler aus Nagold.

„Das ist wie Skilanglauf im klassischen Stil oder im Skating“, weiß Stefan Plöchinger, Geschäftsführer der Rosa GmbH in Zirndorf. „Mit beiden kommt man ans Ziel. Beim Skating jedoch schneller und mit deutlich mehr Spaß.“ Allerdings sei bei ihm auch noch niemand vom Lkw gefallen.

Mitarbeiter motiviert

Keine Probleme gibt es mit der Umstellung bei den eigenen Mitarbeitern. Die sind von den Vorteilen ohnehin überzeugt, allein schon deshalb, weil Umrüsten, lästiges Klettern auf den Tank und Balancieren mit Haltegurt auf Füllbühnen sowie Laufstegen entfallen. Bei Rosa wurden die Mitarbeiter vorab geschult. Wer hier arbeiten will, kommt um die Unten-Verladung eh nicht mehr rum. Denn im Prinzip verfügen dort alle Tkw über eine Bottom-Lösung und die Hälfte hat zusätzlich ein Top-Loading. Der größte Teil der Fahrzeuge bei Wahr verfügt ebenfalls über Top-Loading, „aber auch nur deshalb“, so Wahr, „weil wir in den Lägern in Trier und Mannheim nur von oben beladen können.“ Ein weiterer Grund: Biodiesel wird bei ihm grundsätzlich von oben eingefüllt. Deswegen verfüge er immer noch über mehrere Tkw, die das können.

Für Biodiesel nach wie vor Up-to-date: Top-Loading-Bühne wie hier bei Pickelmann. - Foto: UNITI Mediengruppe/Manz

Wer sich für diese beliebte und sehr zukunftsfähige Verladeform entscheidet, sollte das zeitig tun. Denn einen vorhandenen Tkw umzurüsten, kann leicht ins finanzielle Desaster führen. Am Anfang habe man das in Kauf genommen und Fahrzeuge komplett umgerüstet, so Wahr. Ein Auto, das älter als 10 Jahre ist, lohne sich dafür nicht mehr. Denn die Kosten von 20.000 bis 25.000 Euro seien dann kaum noch einzuspielen. Deswegen empfiehlt er, das Fahrzeug schon mit einer bottomfähigen Voreinrichtung zu kaufen. Falls die Tkw ab Werk schon fürs Bottom-Loading vorgerüstet sind, könne man nach Schätzungen der Händler und Tkw-Besitzer mit 8.000 Euro bis 15.000 Euro hinkommen.

Trend: schon vorgerüstet

Die Hersteller haben sich schon längst darauf eingestellt. Im Prinzip werden fast nur noch Tkw ausgeliefert, die bereits im Tankraum für die Untenbefüllung vorgerüstet sind, sprich: Alle Rohre sind verlegt. Es fehlt nur noch an den äußeren Armaturen. Das spart bei einer späteren Umrüstung deutlich Kosten. „Die könnten ohne Vorrichtung bis zu 50 Prozent betragen. Unser Design beinhaltet deshalb grundsätzlich für die Untenbefüllung verwendbare Komponenten“, bestätigt dies Gunkel. Dafür werde das Sammelrohr für die Gasrückführung in das Seitenwand-Profil der Domwanne integriert. Eine Seitenblende ermögliche die einfache Integration des API-Schrankes.

„Kunden, die sich bei Neuanschaffung noch nicht für eine Untenbefüllung entscheiden können, empfehlen wir unbedingt die tankseitige Vorrüstung“, so Gunkel weiter. Der im hessischen Helsa ansässige Tkw-Spezialist bietet zudem eine erweiterte Vorrüstung an. Dazu gehören API-Schrank und Distanzstück. Die Nachrüstung wäre dann sogar ohne neue Lackierarbeiten möglich. Demgegenüber stünden einige Einsparungen bei Kosten und Gewicht, da Aufstiegsleiter und deren Halterung sowie die Laufroste überflüssig seien.

Kostspielige Lägerumrüstung

Auf Seiten der Läger ist ebenso einiges vorausschauend zu beachten. Vereinzelte Läger, die nur Top-Loading anbieten, wie die bereits genannten, existieren nach wie vor. „Die wird es auch noch eine Weile geben“, so Dr. Henning Abendroth, Geschäftsführer des Unabhängigen Tanklagerverbandes (UTV). „Denn wir müssen beachten, dass nach wie vor noch viele Top-Loading Fahrzeuge unterwegs sind.“ Für viele kleinere Händler sei eine Umrüstung zuerst immer eine Investition, die sich nicht unbedingt und direkt lohne, da man damit keinen Kunden zusätzlich gewinne und somit Umsatz und Erlös gleich blieben. Vor einem Hype zum Bottom-Loading warnt auch Plöchinger: „Mit Top-Loading kommen wir genau so zurecht.“

Noch Standard in vielen Lägern: Arbeitsbühne für die Oben-Befüllung. - Foto: UNITI Mediengruppe/Manz

Die Investitionen, und zwar in deutlich höherem Umfang, haben auch die Läger zu tragen. „Generell ist eine Umrüstung stark von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten abhängig“, so Dr. Abendroth. „Als Richtwert für eine komplette Bühne mit Ottokraftstoff, Diesel und Heizöl wären etwa 300.000 bis 500.000 Euro zu veranschlagen.“ Zudem sollte man bedenken, dass aus Platzgründen für eine Bottom-Bühne gegebenenfalls gar zwei Top-Bühnen „geopfert“ werden müssten.

Demgegenüber stünden jedoch auch Einsparungen. „Der bauliche Aufwand verringert sich deutlich. Verladebühne, Klapptreppen, Absturzsicherungen entfallen“, so Gunkel. „Zudem kann man beim Bau einer Umschlaganlage auf eine Abfüllfläche sowie die entsprechende Abscheidetechnik völlig verzichten.

Dennoch wäre es verfrüht, der Oben-Variante das Sterbeglöcklein zu läuten. „Früher ging es ja auch ohne Bottom-Loading“, so Plöchinger. Allerdings sei es dann damit vorbei, wenn die Läger alle umgerüstet würden. „Solange es jedoch welche gibt, die nur von oben befüllen, brauchen wir auch Top-Tkw“, pflichtet Wahr bei. „Langfristig aber“, so Mattejat, „wird es aufgrund der Sicherheitserwägungen, der Zeitersparnis und des besseren Handlings vom Bottom-Loading verdrängt werden und ganz verschwinden.“


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