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13.06.2012, 07:33

Mit High-Tech-Ölen in die Zukunft

Die Messlatte lag hoch für die Schmierstoffbranche: Mit Rückenwind durch starke Absatzzahlen blickten Immo Kosel und Andreas Mahlich vor zwölf Monaten an gleicher Stelle ziemlich entspannt auf das Geschäftsjahr 2010 zurück. Obwohl die Finanzkrise Europa fest im Griff hielt, ziehen die beiden UNITI-Vorstandsmitglieder im aktuellen Jahresinterview auch für 2011 ein positives Resümee. In der Zukunft müsse man mehr und besser ausbilden, sagen die Schmierstoffexperten.

Die Wirtschaftsnachrichten des vergangenen Jahres waren nicht unbedingt von positiven Schlagzeilen geprägt. Nur Deutschland trotzte scheinbar dem Trend.

Wie hat sich das Jahr 2011 aus Sicht der hiesigen Schmierstoffunternehmen entwickelt?

Andreas Mahlich: 2011 war zumindest für die mittelständische Schmierstoffindustrie ein außerordentlich positives Jahr. Nicht nur der Inlandsabsatz, sondern insbesondere der Export-Absatz wurde signifikant gesteigert.

Immo Kosel: Und das ist keine Eintagsfliege gewesen: Gerade im Export läuft die Nachfrage auch in 2012 ungebremst weiter. Das ist ein guter Auftakt im laufenden Jahr.

Wie stehen deutsche Firmen im internationalen Vergleich da?

Immo Kosel: International haben die deutschen Firmen ihre Position gestärkt, zumal in den letzten Jahren die Produktivität stark verbessert wurde. Auch die Qualität unserer Produkte hin zu High-Tech-Ölen hat unsere Marktposition unterstützt – in Kombination mit der hohen Flexibilität des Mittelstands.

Nach wie vor ist die Chemikalienverordnung REACH ein prägendes Thema. Experten befürchten, dass wegen der hohen Registrierungskosten etliche Stoffe vom Markt verschwinden!

Entwicklung Schmierstoffabsatz in den Jahren 2011 und 2010 - Grafik: Ceto-Verlag GmbH

Andreas Mahlich: Natürlich wird REACH auch für die nächsten Jahre ein dominierendes Thema sein. Bereits 2010 sind einige Rohstoffe aufgrund der Verordnung weggefallen. Die noch folgenden Restriktionen werden auch in Zukunft viele verschwinden lassen. Ende 2012 ist wegen der Registrierungen für Stoffe über 100 Tonnen dann noch einmal so ein wichtiges Datum. Momentan wichtig sind die Compliance-Checks, also die Nachweise der Verwendungen.

In der Debatte dominiert die negative Wahrnehmung von REACH. Gibt es auch positive Aspekte?

Andreas Mahlich: Wenn man nach positiven Effekten sucht, findet man natürlich auch welche. Zumindest ist zu erwarten, dass durch REACH die Verwendung chemischer Stoffe sicherer wird und dass gefährliche Stoffe in Zukunft wegfallen werden.

Zur Rohstoffversorgung: Der Trend weist weg von Gruppe-I-Basisölen hin zu qualitativ hochwertigeren Ölen der Gruppen II und III. Inwieweit hält der Umbau der Raffinerien damit Schritt? Sind Versorgungsengpässe zu befürchten?

Immo Kosel: In der Automobilbranche führt die CO2/NOxDiskussion zum Bau von sparsameren Fahrzeugen mit geänderten Abgasnachbehandlungssystemen. Erreichbar sind zukünftige Anforderungen nur noch mit hochwertigen Basisölen der Gruppen II und III. Die Raffinerielandschaft in Europa ändert sich aufgrund nicht auskömmlicher Raffineriemargen und stetig steigender Qualitätsanforderungen bei Kraftstoffen. Der Trend geht weg von kleinen Anlageneinheiten hin zu Großanlagen mit neuester Technologie. Diese modernen Raffinerien sind insbesondere auf die Kraftstoffproduktion ausgelegt.

In Folge dessen werden zukünftig in Europa nur noch geringe Mengen an Grundölen produziert. Die logistischen Anforderungen werden sich für alle Marktteilnehmer verändern. Wir müssen uns auf längere Transportwege und höhere Logistikosten einstellen. Bei einigen Qualitäten werden wir auch Versorgungsprobleme feststellen können.

Schmierstoffe kommen in sehr vielen Anwendungen zum Einsatz. Als besonders entwicklungsträchtig gilt nach einer Studie der Kline Group momentan der Markt bei Windenergieanlagen. Wo sehen Sie mittel- und langfristig die besten Möglichkeiten für Ihre Unternehmen? Wo ist die Lage eher schwierig?

Immo Kosel und Andreas Mahlich - Fotos Ceto/Archiv

Einblick in die Schmierstoffbranche:
Im traditionellen Jahresinterview standen die
UNITI-Schmierstoffexperten Immo Kosel,
Prokurist bei Rowe Mineralwerk (li.) und
Andreas Mahlich, Geschäftsführer von
Zeller & Gmelin, dem Brennstoffspiegel
Rede und Antwort. - Fotos Ceto/Archiv

Andreas Mahlich: Es sind nicht nur die Anforderungen von Windenergieanlagen, sondern im Zusammenhang mit erneuerbaren Energien beispielsweise auch Produkte für Biogasanlagen. Das Problem für den Mittelstand ist, dass die Entwicklung nicht zuletzt aufgrund teurer Feldversuche langwierig und kostspielig ist und ein kompliziertes Freigabeprozedere bewältigt werden muss.

Immo Kosel: Neue Schmierstoffpotenziale gibt es genug – neben Anlagen für Wind und Biogas auch durch dezentrale KWK-Kraftwerke. Die Hersteller-Freigaben für die Produkte sind jedoch ein Kraftakt für die Branche: Gerade bei Offshore-Windanlagen sind die Anforderungen extrem hoch. Parallel fordern uns auch die OEMs durch neue Freigaben bei Automotive- und Industrieschmierstoffen. Für die mittelständische Industrie wird es immer schwieriger, dies in bestehenden Kapazitäten abzubilden und am Ende noch wettbewerbsfähig zu sein. Dennoch: Dank der Innovationskraft des Mittelstands werden wir diese Herausforderungen erfolgreich bewältigen.

Schmierstoff als anspruchsvolles Konstruktionselement: Setzt sich dieser Trend fort?

Andreas Mahlich: Die Entwicklung geht hin zu High-Tech-Ölen. Die mittelständische Schmierstoffindustrie begreift dies als Chance. Allein die durch CO2 getriebenen Anforderungen werden nur durch Innovationen erfüllt werden können. Aber auch hier müssen lange Testläufe, entsprechende Freigaben und hohe Kosten in Kauf genommen werden.

Apropos Kosten: Anfang des Jahres verteuerte sich Öl deutlich, Analysten nennen die Iran-Problematik als Grund. Wie kommen die Schmierstoffhersteller mit den steigenden Kosten klar?

Immo Kosel: Der Preisanstieg bei Rohöl sorgt für Rekordpreise an den Tank stellen und gefährdet den Wirtschaftsaufschwung. Steigende Ölnachfrage in Asien und die Irankrise sind weiterhin Gründe für ein hohes Rohölpreisniveau. Die Auswirkungen treffen unsere Branche direkt: Nicht nur Basisöle, sondern auch Additive und Spezialprodukte aus der chemischen Industrie verteuern sich zunehmend. Wir müssen es schaffen, unsere Produkte zu wettbewerbsfähigen Konditionen zu produzieren und gegenüber den Mitbewerbern aus Fernost und Osteuropa zu etablieren. Gerade der deutsche Schmierstoffmarkt reagiert sehr preissensibel, und Unternehmen haben Probleme, die Kostensteigerungen auf der Rohstoffseite über die Fertigprodukte weiter zugeben.

Welche weiteren Entwicklungen sollten die Unternehmen im Auge behalten?

Andreas Mahlich: Zunächst die Versorgungssicherheit: Wir müssen und wollen die Verfügbarkeit von Grundölen und Additiven garantieren. Ein weiteres, großes Problem dürfte auf der Personalseite entstehen. Speziell für Labor und Anwendungstechnik fehlen immer mehr qualifizierte Mitarbeiter. Die Branche ist deshalb gut beraten, die Ausbildung von Mitarbeitern voranzutreiben – nicht nur betrieblich, sondern auf breiterer Basis. Eine intensive Zusammenarbeit mit Universitäten und Verbänden wäre wünschenswert.


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