empfehlen drucken kommentieren
08.05.2012, 14:27

Warum Benzin so teuer ist

 FRANKFURT. – Der Branchendienst Commerzbank Commodity Research widmet sich in seinehm aktuellen „Rohstoffe kompakt Energie“ der Entwicklung der Benzinpreise diesseits und jenseits des Atlantiks. In der Analyse heißt es:

Quelle: Commerzbank Corporate & Markets

„Die stark gestiegenen Benzinpreise haben in den vergangenen Wochen sowohl in Deutschland als auch in den USA für Schlagzeilen gesorgt. Die Tankstellenpreise in Deutschland sind in der Woche zum 20. April mit 1,73 Euro je Liter auf ein Rekordhoch gestiegen. In den USA wurde Anfang April die als kritisch angesehene Marke von 4 USD je Gallone erreicht. Dies entsprach einem Rekordniveau zu diesem Zeitpunkt des Jahres. Der Benzinpreisanstieg hat auf beiden Seiten des Atlantiks zu teils heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit geführt. In den USA hat Präsident Obama die Spekulanten für den Preisanstieg verantwortlich gemacht und eine strengere Aufsicht und Regulierung Terminmärkte gefordert. In Deutschland stehen die Mineralölkonzerne in der Kritik. Ihnen wird vorgeworfen, die Preise mittels Absprachen nach oben zu treiben. Sind tatsächlich Spekulanten oder Preisabsprachen für den Anstieg der Benzinpreise verantwortlich oder gibt es auch fundamentale Gründe?

Der wichtigste Einflussfaktor für den Benzinpreis ist der Rohölpreis. Dieser ist in den ersten beiden Monaten des Jahres wegen der Iran-Krise um knapp 20% gestiegen. Für die Tankstellenpreise in Deutschland kommt hinzu, dass der Euro durch die Schuldenkrise in den Euro-Peripherieländern und die EZB-Krisenpolitik belastet wird und daher im Gegensatz zu vorherigen Ölpreisanstiegen keinen Puffer mehr bildet. In der Folge dieser Entwicklung hat der Brentölpreis in Euro im März das bisherige Rekordhoch von Juli 2008 übertroffen.

Quelle: Bloomberg; Commerzbank Corporate & Markets

Bis Anfang März lässt sich der Benzinpreisanstieg in Europa mit der Entwicklung des Rohölpreises erklären. Allerdings ist der Ölpreis seither gefallen, während der Benzinpreis zunächst weiter gestiegen ist. Die Preisdifferenz zwischen dem Großhandelspreis für Benzin in Rotterdam und Rohöl erreichte Ende März mit knapp 300 USD je Tonne das höchste Niveau seit Mai 2007 (Grafik 18 und 19).

Um diese Entwicklung zu verstehen, nützt ein Blick in die USA. Denn die USA sind der mit Abstand größte Benzinmarkt der Welt und beeinflussen damit auch die Benzinpreisentwicklung außerhalb des Landes. Auf dem ersten Blick sieht es danach aus, dass die Benzinpreise in den USA in den letzten Monaten ebenfalls deutlich stärker gestiegen sind als der Ölpreis. Die Preisdifferenz zwischen US-Benzin und WTI-Rohöl weitete sich im Zuge dessen auf ein Rekordniveau von knapp 40 USD je Barrel aus. Davon profitieren jedoch nur die Raffinerien im Mittleren Westen (Distrikt II). Etwa die Hälfte US-Raffineriekapazitäten befinden sich aber an der US-Golfküste (Distrikt III). Für diese Raffinerien ist nicht der WTI-Ölpreis relevant, sondern der Preis für Light Louisiana Sweet (LLS). Diese Ölsorte ist 15-20 USD je Barrel teurer als WTI. Die Verarbeitungsmarge für die meisten US-Raffinerien ist somit deutlich niedriger. Ende 2011 war sie zeitweise sogar negativ.

Einige US-Raffinerien an der US-Ostküste stellten ihre Produktion daher teilweise ein, was zu lokalen Angebotsverknappungen führte. In der Folge sind die Benzinvorräte an der USOstküste (Distrikt I) von Mitte Februar bis Ende April um 15% gesunken und damit deutlich stärker als in den anderen Distrikten und im landesweiten Durchschnitt. Da Benzin ein global gehandeltes Produkt ist und relativ einfach transportiert werden kann, hat dies auch Auswirkungen auf die europäischen Benzinpreise. Wie Grafik 5 zeigt, unterscheiden sich die Benzinpreise in den USA und Europa kaum voneinander. Bis auf wenige Ausnahmen wichen die beiden Preise in den vergangenen Jahren kaum mehr als 50 USD je Tonne voneinander ab. Zeitweise Abkopplungen des Benzinpreises vom Rohölpreis wie im März und April hat es auch in der Vergangenheit gegeben. Diese wurden in der Regel aber schnell wieder korrigiert. Ähnlich scheint es auch diesmal zu sein. Die Preisdifferenz zwischen Benzin und Brent in Europa hat sich im April auf gut 200 USD je Tonne verringert, weil der Benzinpreis in Rotterdam von seinem Anfang April verzeichneten Hoch um mehr als 100 USD je Tonne gefallen ist.

Wir gehen davon aus, dass der Preisabstand zwischen Benzin und Rohöl in den kommenden Monaten wieder unter die Marke von 200 USD je Tonne sinken wird. Eine wirkliche Angebotsknappheit, welche einen dauerhaft hohen Preisabstand gegenüber Rohöl rechtfertigen könnte, gibt es derzeit nicht. Die US-Benzinlagerbestände sind zwar seit Mitte Februar kontinuierlich gesunken. Dies entspricht aber dem Saisonmuster, da die Raffinerien im Frühjahr von Winter- auf Sommerbetrieb umstellen und Wartungsarbeiten durchführen. In der Folge sinkt daraufhin die Benzinproduktion, was in diesem Frühjahr aufgrund der o.g. Raffinerieschließungen besonders ausgeprägt ist. Die Benzinnachfrage in den USA ist weiterhin sehr schwach. Trotz einer saisonal üblichen Erholung in den vergangenen Wochen liegt die US-Benzinnachfrage noch immer mehr als 7% unter dem zu dieser Jahreszeit üblichen Niveau. Sofern es nicht zu einem merklichen Rückgang der Tankstellenpreise in Richtung 3 USD je Gallone kommt, dürfte die Sommerfahrsaison erneut enttäuschen. Die USEnergiebehörde rechnet damit, dass die Benzinnachfrage in diesem Sommer auf ein 11-Jahrestief von 8,8 Mio. Barrel pro Tag fallen wird.

Dass es überhaupt zu dem erwähnten Abbau der US-Benzinvorräte gekommen ist, dürfte vor allem an den deutlich gestiegenen Exporten gelegen haben. In den vergangenen Monaten haben die USA ihre Rolle als Netto-Exporteur von Benzin weiter ausgebaut. Seit Jahresbeginn belaufen sich die Netto-Ausfuhren auf ca. 460 Tsd. Barrel pro Tag. Schon im vergangenen Jahr hatten sich die Netto-Exporte auf gut 370 Tsd. Barrel pro Tag gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, wobei der überwiegende Teil der US-Benzinexporte in das benachbarte Mexiko geht. Die Benzinimporte in die USA sind dagegen dramatisch zurückgegangen. Im vergangenen Jahr betrugen diese nur noch gut 100 Tsd. Barrel pro Tag, was einem Viertel der durchschnittlichen Importe des Jahres 2007 entspricht. Im vergangenen Jahr lagen die EU-Benzinexporte in die USA bereits 37% niedriger als im Jahr 2004. Damit fehlt für die hiesigen Produzenten ein wichtiger Abnehmer. Dies dürfte Druck auf die Raffineriemargen in Europa ausüben, sofern es nicht gelingt, alternative Käufer zu finden. China dürfte als Käufer nicht in Frage kommen, da das Land bereits seit längerem ebenfalls ein Netto-Exporteur von Benzin ist.

Mit der Inbetriebnahme der umgekehrten Seaway-Pipeline Mitte Mai wird es den Raffinerien an der US-Golfküste möglich sein, Zugriff auf das günstige WTI-Rohöl zu bekommen. Dadurch dürften die Benzinpreise in den USA sinken. Ein Teil des Preisrückgangs seit Mitte April dürfte bereits darauf zurückzuführen sein. In der Folge dürften auch die spekulativen Finanzanleger ihre Netto-Long-Positionen bei US-Benzin weiter zurückzuführen. Trotz des jüngsten Rückgangs auf das niedrigste Niveau seit drei Monaten befinden sich die spekulativen Netto- Long-Positionen noch immer auf einem sehr hohen Niveau, so dass von dieser Seite weiterhin Korrekturpotenzial besteht. Aufgrund des oben skizzierten Zusammenhangs zwischen den Benzinpreisen in den USA und Europa dürfte im Zuge dessen auch der Benzinpreis in Rotterdam nachgeben. Dieser dürfte bis zum Jahresende auf 990 USD je Tonne fallen.

Quelle: Commerzbank Corporate & Markets

 

 

 

 

 

Die komplette Prognose inkl. einer Einschätzung der Entwicklung des Rohölpreises sowie aller Grafiken kann hier gelesen und heruntergeladen werden.

 

Mehr zu Commerzbank Commodity Research findet sich hier.

«zurück

Neuen Kommentar hinzufügen

Bitte beachten Sie, dass in Ihrem Kommentar aus sicherheits- und datenschutzrechtlichen Gründen keine Links platziert werden können.

Kommentare


Es wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt.